Von einer verschämten Sportwoche zum Festival im Zeichen der fünf Ringe

Die Geschichte der Olympischen Winterspiele: Premiere 1924 in Chamonix – Durchbruch 1936 in Garmisch-Partenkirchen – Verzicht von Denver für 1976.

 

Berlin. Fünf Millionen Dollar! Würde heutzutage eine Stadt auch nur daran denken, wegen eines solchen Betrages ein Weltereignis wie die Olympischen Winterspiele zurückzugeben? In Denver jedenfalls, das 1976 die Spiele austragen sollte, provozierte dieser zusätzliche Betrag aus Steuermitteln – die öffentliche Hand hatte bereits atemberaubende 5,5 Millionen Dollar gezahlt – die Gründung der Initiative „Bürger für Colorados Zukunft“.

Zuvor hatten Umweltschützer schon die Auswahl der Wettkampforte in ökologisch sensiblen Gebieten kritisiert; ob die Spiele überhaupt Schnee sehen würden, war ohnehin fraglich. Die Bevölkerung stimmte schließlich in einem Referendum gegen einen weiteren Zuschuss, der in Deutschland heute nicht einmal für das nationale Bewerbungsverfahren ausreichen würde. Im November 1972 gab Denver das Mandat an das Internationale Olympische Komitee (IOC) zurück, Innsbruck sprang ein. Dieser Rückzug war Symptom für die damalige olympische Krise, die der 1980 gewählte IOC-Präsident Juan Antonio Samaranch erst gut zehn Jahre später zu stoppen vermochte, als er die Öffnung zum Kommerz betrieb. Gleichzeitig zeugte das vom stiefmütterlichen Status des olympischen Wintersports.

Es gab immer Traditionalisten, die sich mit Hinweis auf das antike Vorbild fragten, welchen Sinn überhaupt Sportarten wie Rodeln, Bob oder Skilanglauf im Schoße Olympias machten. Aber wie jene, die aus gleichen Gründen die weibliche Beteiligung an Olympischen Spielen nicht einsehen wollten, den Frauen schließlich aber den Zugang ermöglichen mussten, erzwangen die Wintersportverbände 1921 eine – wie sie verklausuliert hieß – „Internationale Wintersport-Woche“ unter einem verschämten „Patronat des IOC“.

Ein Jahr nach dem Erfolg von Chamonix 1924 entschloss sich das IOC zu Olympischen Winterspielen mit einem eigenen Vierjahreszyklus. 1926 erst wurden die Wettbewerbe in den französischen Alpen rückwirkend als „I. Olympische Winterspiele“ anerkannt.

Wäre es nach den Deutschen gegangen, Winterolympia hätte bereits Anfang 1916 rund um den Feldberg stattgefunden. Das „vorläufige Programm“ aus dem Jahre 1914, so hatte das Organisationskomitee im Hinblick auf die in Berlin geplanten Olympischen Spiele 1916 nämlich vorgesehen, enthielt Skilauf, Eishockey, Eiskunstlauf und Eisschnelllauf. Das segnete auch der Olympische Kongress im Juli 1914 in Paris ab, nachdem dort deutsche Funktionäre skandinavische Widerstände durchbrochen hatten. Dass vor allem die Schweden sich gegen olympischen Wintersport verwahrten, erstaunt heute. Und war dennoch plausibel.

Befürchtet wurde – im Nachhinein betrachtet zurecht – ein Prestigeverlust für die traditionsreichen „Nordischen Spiele“. Deswegen wurden die Eiskunstlauf-Wettbewerbe, die 1908 in London erstmals ausgetragen worden, 1912 in Stockholm einfach gestrichen. Auch der Erfinder der „Wintersportwoche“, der italienische Graf Eugène Brunetta d’Usseaux, scheiterte deshalb mit seinem Vorschlag 1911 an dem schwedischen IOC-Mitglied Victor Balck. Und das, obwohl der Graf – damals ein gewichtiges Argument – die militärische Bedeutung des Skilaufs angeführt hatte.

Wie bei den Sommerspielen, so musste sich auch das olympische Winterprogramm erst einspielen. Nordischer Sport war von Anfang an gesetzt, genau wie Bobsport, Eishockey, Eiskunstlauf und Eisschnelllauf. Manchmal sorgten die Präferenzen des Veranstalters für Stirnrunzeln, 1928 etwa nahm St. Moritz die Disziplin Skeleton auf, das jetzt wieder olympisch geworden ist. Gefragt, ob er sich für die Ergebnisse dieser Disziplin interessiere, antwortete damals ein schwedischer Sportjournalist: „Nicht im mindesten. Wenn ich dies nach Stockholm drahte, weiß dort kein Mensch, was für ein Tier das ist.“

Als größter Gegner der Winterspiele stellte sich indes die Natur heraus. Aufgrund eines Wärmeeinbruchs konnten beispielsweise 1928 nicht alle Wettbewerbe abgeschlossen werden.

Spätestens 1936, als über eine halbe Million Zuschauer nach Garmisch-Partenkirchen pilgerten, waren die Winterspiele etabliert. Der zunehmende Stellenwert wurde allein daraus deutlich, dass NS-Sportführung und Propaganda-Minister Goebbels darin einen Testlauf für Berlin 1936 erblickten.

16 Jahre später in Oslo gerieten die Winterspiele ebenfalls zu einem Politikum; die norwegischen Gastgeber, die im Zweiten Weltkrieg unter der deutschen Besatzung zu leiden hatten, ließen durch diplomatische Kanäle durchblicken, eine Teilnahme hoher deutscher Sportfunktionäre sei nicht erwünscht. Die Olympia-Organisatoren von 1936, Carl Diem und Karl Ritter von Halt, mussten daraufhin zu Hause bleiben. Dazu kam seit Oslo 1952 der sportpolitisch brisante Konflikt einer vom IOC gewünschten gemeinsamen deutschen Mannschaft.

Neben derlei politischen Konflikten sah sich das IOC seit den 60er Jahren auch im Wintersport mit einer zunehmenden Kommerzialisierung konfrontiert. Weltstars wie der dreimalige Olympiasieger von Grenoble 1968, Jean-Claude Killy, sahen schlicht nicht mehr ein, sich an die Bestimmungen des olympischen Amateur-Paragraphen zu halten. Schließlich sah dieser – dem englischen Gentleman-Prinzip aus dem 19. Jahrhundert gehorchend – geradezu lächerliche Aufwandsentschädigungen vor.

So kam es zu heute fremd anmutenden Szenen. 1966 etwa gab das deutsche Eiskunstlaufpaar Kilius/Bäumler im ZDF-Sportstudio seine Silbermedaille ab, weil herausgekommen war, dass es vor den Spielen 1964 bereits einen Werbevertrag unterschrieben hatte. Vor allem Willi Daume hatte auf die öffentliche Rückgabe gedrängt: Die erfolgreiche Olympiabewerbung für München 1972 schien sonst gefährdet.

1972 kam es während der Winterspiele in Sapporo zu einem ähnlich gelagerten Fall der Heuchelei. Obwohl allen Beteiligten klar war, dass jeder Skifahrer von Weltformat unter der Hand auch für lukrative Werbeverträge lief, schloss das IOC auf Betreiben seines Präsidenten Avery Brundage den Österreicher Karl Schranz von den Spielen aus.

Als Verfechter des Amateurprinzips sah Brundage, der kurz darauf abtrat, in den Skipiloten ohnehin nur „Industrie-Athleten“, sprich: Teufel des Professionalismus. Spätestens 1988 war der Anachronismus jedem klar: Damals erhielt der Ausgestoßene rückwirkend eine Teilnehmermedaille von Samaranch.

Zwei Jahre zuvor, 1986 während der Session in Lausanne, beschloss das IOC eine Änderung der Olympischen Charta: Von 1994 an sollten die Winterspiele immer exakt zwischen den Sommerspielen ausgetragen werden. Hintergrund des Beschlusses war ein deutliches Signal amerikanischer Fernsehgesellschaften an das IOC. Künftig würden sie, die inzwischen mehrere hundert Millionen Dollar für die Übertragungsrechte aufwandten, solch hohe Beträge nicht mehr alle vier Jahre zwei Mal aufbringen können. Die wohlwollende Reaktion der Olympier auf diese ökonomischen Zwänge wäre unter dem Traditionsfanatiker Brundage noch völlig undenkbar gewesen.

1956, während der Winterspiele in Cortina d’Ampezzo, hatte der Präsident gleichwohl versucht, die Fernsehrechte zu verkaufen, indes noch ohne Erfolg. Seine Argumentation: In den USA würden TV-Gesellschaften schließlich auch enorme Honorare für große Sportwettkämpfe bezahlen. Als die Fernsehanstalten, die vorher keinen Cent für Rechte ausgegeben hatten, nicht spuren wollten, drohte Brundage mit einem Ausschluss des neuen Mediums. „Wir haben 60 Jahre ohne das Fernsehen gelebt“, sprach der Amerikaner und folgerte, dass „die Spiele 60 weitere Jahre ohne das Fernsehen auskommen“ würden. Er irrte.

Erschienen am 12. Februar 2002 in der WELT.