Honeckers Porzellan

Kornelia Grummt, geborene Ender, war als Schwimm-Olympiasiegerin ein Liebling der DDR. Kurz vor der Wende versuchte sie, mit Mann und Kindern zu fliehen – aber davon hatte ihr Vater, ein NVA-Oberst, Wind bekommen. Die Geschichte eines Verrats.

 

In der Abenddämmerung brechen sie auf. Die zehnjährige Tochter Franziska läuft selbst, die vier Jahre alte Tiffany wird von ihrer Mutter getragen. Vorsichtig pirschen sie durch das Gelände. Steffen Grummt, der Vater, schneidet mit einer Kneifzange Schlupflöcher in den Draht. Sie ratschen sich an Dornensträuchern auf und bluten, langsam kommen sie voran, Stunde um Stunde, Zaun für Zaun.

Die Grenze ist in diesem Sommer gut bewacht, jede Nacht versuchen Flüchtende ihr Glück. Mehrmals gehen Patrouillen nah an den vier Grummts, die sich tief ducken, vorbei und bemerken sie nicht. Doch am letzten Sperrzaun richtet sich das Licht von Taschenlampen auf sie. Sie blicken in die Mündungen von Maschinenpistolen. Ihre Flucht ist gescheitert.

Kornelia Grummt, 56, geborene Ender, und ihr Mann Steffen sitzen an einem Januartag am Kaffeetisch ihres Hauses. Sie leben in Schornsheim, einer beschaulichen Gemeinde nahe Mainz, mitten im Weinanbaugebiet. Über ihren Köpfen hängen Silvesterballons. Steffen Grummt, 55, hält das sieben Monate alte Enkelkind auf dem Schoß, es nuckelt an einer Plastikkarotte.

Er sagt, sie seien „absolut glücklich“. Sie sagt, es gehe ihnen „sehr gut“ hier. Seit der Wende wohnen sie in der rheinhessischen Provinz. Geblieben ist, auch nach all der Zeit, ihr sächselnder Tonfall.

Kornelia Grummt war als Olympiasiegerin im Schwimmen ein Star der DDR. 1976 hatte sie in Montreal viermal Gold gewonnen und wurde als Vorbild herumgereicht. Sie hat in das selige Lächeln von Erich Honecker geblickt, sie war eine Heldin der DDR. Aber dann wurde sie zur Staatsfeindin erklärt, als herausgekommen war, dass sie einfach nur wegwollte aus dem Land, das sie als Sportlerin groß gemacht hatte. Die DDR war ein Paradies für sie. Und geriet ihr zum Gefängnis.

Ihre ganze Geschichte hat sie bislang nie erzählt, die Geschichte ihrer versuchten Flucht. Wie sie und ihre Familie im August 1989 an der ungarisch-österreichischen Grenze aufgespürt wurden. Kornelia Grummt hat auch immer verschwiegen, dass es ein hoher Offizier der Nationalen Volksarmee (NVA) war, der die Stasi über die Fluchtgefahr informierte, kaum dass er davon erfahren hatte.

Denn dieser Mann war Heinz Ender. Ihr Vater.

Es ist Zufall, dass sie die Geschichte jetzt erzählt. Zwei Historiker hatten den Auftrag bekommen, eine Studie über den Sport in Thüringen zu DDR-Zeiten zu verfassen(*). Dabei stießen sie auf den Stasifall von Steffen Grummt, der ein erfolgreicher Athlet gewesen war, zuerst als Zehnkämpfer, dann war er als Bobanschieber sogar Weltmeister geworden. Grummt war von Spitzeln umzingelt gewesen und hatte deren Klarnamen nach der Wende in einer Zeitschrift genannt. Darüber wollte Jutta Braun mit ihm reden. In Schornsheim erfuhr die Forscherin überraschend von Flucht und Verrat.

So kommt es, dass man die Grummts besuchen kann, um die ganze Geschichte zu erfahren, das Drama und dessen Um-

stände. Warum ein Vater seine Tochter ohne Zögern anschwärzte. Wie es dazu kam, dass eine Frau, die politisch nie aneckte und lange systemkonform lebte, unter Lebensgefahr einem Staat davonrennen wollte, dem sie eng verbunden schien.

Kornelia Ender war 13 Jahre jung, als sie plötzlich zur Vorzeigeathletin der DDR emporstieg, eine unbeschwerte Schwimmerin, die 1972 bei den Olympischen Spielen drei Silbermedaillen gewann und lächelnd aus dem Wasser kletterte, ausgerechnet in München, beim Klassenfeind. Das Mädchen kam aus einer sozialistischen Bilderbuchfamilie, der Vater war Oberst, die Mutter arbeitete als Oberschwester im Krankenhaus von Bitterfeld. Beide waren sie in der Partei, politisch aktiv und „rot, roter ging’s nicht“, sagt die Tochter.

Sie gewann Europa- und Weltmeistertitel. Sie reiste zu Wettkämpfen in den Westen, und wenn sie in der Bundesrepublik war, brachte sie ihrer Mutter manchmal Tosca-Parfüm und dem Vater Marlboros mit, die rauchte er lieber als das heimische Kraut. Sie kam mit Roland Matthes zusammen, dem besten Schwimmer der DDR. Sie bildeten das ostdeutsche Glamourpaar der Siebziger. Bei Galas saßen sie am Tisch der Honeckers. 1978 heirateten sie.

Zwei Jahre zuvor hatten die Zeitungen geschrieben, sie sei die „Königin“ der Sommerspiele von Montreal und setze „völlig neue Maßstäbe“, die englische „Sunday Times“ nannte sie „Wundermädchen“, auf Deutsch. Mit 17 holte Ender viermal Gold, zwei der Medaillen gewann sie innerhalb einer halben Stunde. Ob sie damals gedopt worden war, wisse sie nicht, sagt sie heute, es sei möglich.

Nach Montreal beendete sie überraschend ihre Schwimmerkarriere, um Medizin zu studieren. Was Manfred Ewald, dem obersten Sportfunktionär der DDR, nicht passte. Er reiste aus Ostberlin an, um sie zum Weitermachen zu überreden. Es misslang ihm, und nach zwei Stunden Gespräch stand er wütend auf und fluchte beim Herausgehen über „diese Rotzgöre“. Von da an durfte Kornelia Ender nicht mehr in den Westen reisen. Einladungen dorthin wurden abgefangen.

Andere Privilegien blieben ihr. Alle drei Jahre durfte sie ein neues Auto kaufen. Sie hatte in Ostberlin ein Konto mit Prämiengeldern, in DDR-Mark. Wenn sie sich etwas Größeres kaufen wollte, einen Schrank zum Beispiel, musste sie einen Herrn Berger anrufen und um Geld bitten. Daraufhin kam Berger vorbei, öffnete seinen Koffer und verschwand wieder. Aber wie viel Geld genau auf dem Konto lag, erfuhr sie nie. Berger gab nie zu viel preis, nicht einmal seinen Vornamen.

Enders Leben in der DDR lief durchaus erträglich weiter. Die Ehe mit Roland Matthes scheitert zwar, auch das Studium bricht sie ab. Aber Ende 1983 lernt sie Steffen Grummt kennen, einen Kraftkerl, den sie während ihrer Ausbildung zur Physiotherapeutin behandelt. Im darauffolgenden Sommer heiraten sie, es wird vor allem für ihn das Jahr der Veränderungen. Er wechselt zum Bob, weil er weiß, dass er als Zehnkämpfer am Ende seiner Möglichkeiten angelangt ist. Was er nicht merkt: dass er in einen Sport gewechselt ist, den die Stasi mit inoffiziellen Mitarbeitern (IM) nur so durchdrungen hat.

Steffen Grummt gerät sofort in deren Visier. Beim Weltcup in Winterberg unterhält er sich an der Bahn mit Jens Schulze aus Paderborn, die beiden kennen sich vom Zehnkampf. Grummt redet auch mit anderen Westdeutschen und Schweizern. Er weiß zwar, dass für DDR-Athleten gilt, sich von allen Westlern fernzuhalten, aber kennt es aus der Leichtathletik, dass die Regel nicht so streng ausgelegt wird.

In seiner ersten Saison wird Grummt im Viererbob von Bernhard Lehmann gleich Weltmeister, im Zweier von Detlef Richter reicht es zum Vizechampion. Für Grummt könnte es kaum besser laufen. In der Partei ist er nicht, obwohl man ihn dazu drängt. Der Sportsoldat lässt sich Ausflüchte einfallen und kommt damit scheinbar durch. „Ich habe mir nichts dabei gedacht“, sagt er heute. „Aufgrund meiner sportlichen Leistungen konnten sie nicht an mir rütteln. Im Bobfahren war ich ja ganz oben.“

Er gilt als nicht linientreu genug. IM berichten über ihn, er sei „stark materiell interessiert“, sei getrieben vom „Drang nach Anerkennung“ und zeige „keine klare Haltung zur westlichen Lebensweise“. Einer der tüchtigsten IM trägt den Decknamen „Kurt Schulze“, dahinter verbirgt sich Grummts Zweierpilot Detlef Richter, die beiden teilen sich oft ein Zimmer.

Schon im Mai 1985 wird die Überwachung verschärft und eine sogenannte Operative Personenkontrolle unter dem Codewort „Athlet“ angeordnet. Dazu gehört, dass die Vierzimmerwohnung in Suhl verwanzt wird – auch Kornelia Grummt gerät damit unter verschärfte Aufsicht. Steffen Grummts Tage als Sportler sind gezählt, denn die Stasi erklärt zum Ziel, „den G. aus dem Leistungssport als Unsicherheitsfaktor herauszulösen und aus dem Dienstbereich zu entfernen“.

Ihn rettet vorerst, dass er nicht verdächtigt wird, sich auf einer der Reisen absetzen zu wollen. Es gebe „Bindungsfaktoren an die DDR“, heißt es in einem Zwischenbericht zu „Athlet“. Die Ehe, die Kinder, die finanziellen Verhältnisse, die Perspektive im Sport, den Ehrgeiz des Oberfeldwebels, es zum Offizier zu bringen. Sogar eine „sexuelle Übereinstimmung“ mit seiner Frau wird als Argument dafür heranzogen, dass sie nicht abzuhauen drohen. An Flucht denken die Grummts auch kein bisschen.

Ende 1986 wird Steffen Grummt zum Verhängnis, dass er seinen Spind öffnen muss, in dem er Westgeld und die Adresse eines Schweizer Bobkollegen aufbewahrt. Im Februar 1987 wird er aus der NVA entlassen und als Sportler „vom Leistungsauftrag entbunden“, also rausgeschmissen. Als Trainer darf er nicht arbeiten, stattdessen muss er als Sportlehrer in einer Schule in Suhl unterrichten.

Von seinem Schwiegervater, dem Oberst, braucht er kein Verständnis zu erwarten. Wenn der nach Suhl kommt und Westfernsehen läuft, dreht er es ab. Heinz Ender gibt dem Schwiegersohn zu verstehen, dass er selbst schuld sei an seiner Lage. Ender handelt gnadenlos: Mit seiner Mutter und der Zwillingsschwester, die in den USA leben, hat er gebrochen.

Bei Kornelia und Steffen Grummt staut sich der Frust. Tochter Franziska darf plötzlich nicht als Schwimmerin zu Dynamo Berlin. Telefonate werden unterbrochen, die Stasi macht sich nicht mehr die Mühe, das Abhören zu kaschieren. Eine nahestehende Familie stellt einen Ausreiseantrag, und Grummts erleben mit, wie die Freunde unter Schikanen leiden, wie sie ihre Arbeitsplätze verlieren und wie Autos mit dunklen Scheiben vor der Haustür parken.

Langsam reift der Gedanke an Flucht.

Im Juli 1989 fahren die Grummts mit den Töchtern nach Bulgarien in den Urlaub. Vorher packen sie eine Tasche, die sie unbemerkt bei Steffen Grummts Eltern in Zwickau deponieren; darin stecken Medaillen und Auszeichnungen sowie Meißner Porzellan, das Honecker überreicht hat. Sie wollen die Sachen in Sicherheit wissen, denn sie planen, sich am Ende der Ferienreise über Ungarn davonzumachen.

Kornelia Grummts Schwester Petra verbringt auch ihre Ferien in Bulgarien, reist aber früher zurück. Am Abschiedsabend trinken die Frauen viele Gläser Sekt. Kornelia sagt, es könne sein, dass sie nicht mehr heimkehren werden. Petra berichtet dem Vater von Kornelias Gedankenspielen, kaum dass sie wieder in der DDR ist.

Oberst Ender fährt sofort in die Suhler Wohnung der Grummts und entdeckt, dass die Medaillen und das Porzellan verschwunden sind. Es ist der 3. August.

Tags darauf alarmiert er die Stasi. Er fürchtet, als Mitwisser hineingezogen zu werden. Sein Dienstjubiläum bei der NVA steht bevor, da will er nichts riskieren. Er entscheidet sich gegen seine Tochter.

Heinz Ender weiß aber nicht, wann und wo sie und der Schwiegersohn fliehen wollen. Ob sie es tatsächlich probieren werden.

Inzwischen haben die Grummts mit ihrem weißen Lada und dem Wohnwagen einen Campingplatz nahe der ungarischen Grenzstadt Sopron erreicht. Steffen Grummt sucht tagsüber nach einer geeigneten Stelle, um nach Österreich zu gelangen. Das Gelände, das er auswählt, ist wellig und bewaldet und bietet Deckung, um sich voranzupirschen.

Gegen vier Uhr nachts werden sie gefasst. Mit einem Laster wird die Familie zur Vernehmung gefahren, Kornelia Grummt zittert und weint. Die Ungarn reagieren anders als erwartet, als sie feststellen, wen sie da aufgegriffen haben. „Sie waren entsetzt“, erzählt Steffen Grummt heute. „Etwa: Warum habt ihr so was nötig? Euch müsste es doch gut gehen.“

Nach einer Stunde dürfen sie gehen, die Ungarn versprechen, den DDR-Behörden nichts zu melden. Sie können sogar fristgerecht heimkehren, so wie es im Reiseantrag steht. Sie scheinen Glück zu haben. Sie ahnen nicht, dass die Stasi längst alarmiert ist. „Wir haben uns ja nicht ausgemalt, was mein Vater für einen Wirbel veranstaltet“, sagt Kornelia Grummt.

Wieder Verhöre, diesmal einzeln und an verschiedenen Orten, diesmal ist der Ton schärfer als bei den Ungarn. Doch die Stasileute finden keine Beweise für den Fluchtversuch. „Die Überschrift für all unsere Antworten war: Was wollen Sie denn? Wir sind doch pünktlich zurück!“, so schildert es Steffen Grummt.

Von da an werden sie total überwacht. Als sie im Oktober nach Zwickau fahren, folgen ihnen drei Autos. Kornelia Grummt sieht die Wagen später beim Spaziergang vor der Kaufhalle stehen, sie tritt einem Auto in die Tür, haut auf die Motorhaube und schreit, ihrer Erinnerung nach: „Macht euch raus, ihr Schweine! Was wollt ihr?“ Am folgenden Tag verlassen sie Zwickau im Lada über einen Feldweg, weil die Ausfallstraßen mit Stasiwagen besetzt sind.

Die Lage ist so unerträglich geworden, dass sie am 1. November das tun, was sie aus Furcht vor Repressalien bislang vermieden hatten: einen Antrag auf ständige Ausreise stellen. Schlimmer kann es sowieso nicht mehr kommen.

Am 9. November fällt die Mauer.

Am 10. November erfahren die Grummts, dass sie ausreisen dürfen. Es ist ein letzter, absurder Versuch der DDR, Macht zu beweisen. Die Grenze ist ohnehin gefallen. Würden sie formal übersiedeln, so müssten sie praktisch allen Besitz zurücklassen, auch die vielen Medaillen, Orden, Auszeichnungen, sogar Honeckers Porzellan. So bleiben sie freiwillig Bürger eines Staates, der sich vor ihren Augen auflöst. Und packen ihren Lada voll und fahren mit den Töchtern fort, in ein anderes Leben.

Sie werden von der Euphorie des Zusammenwachsens erfasst, die sich in Deutschland zur wilden Wendezeit ausbreitet. Über Ex-Zehnkämpfer Jens Schulze, einen Freund, und ein paar weitere Männer bekommt Steffen Grummt Kontakt nach Mainz zum Landessportbund Rheinland-Pfalz – und dort einen Job. Kornelia Grummt eröffnet als Physiotherapeutin in Schornsheim ihre eigene Praxis.

Seine Stasiakte hat Steffen Grummt schon früh eingesehen und mit Tränen in den Augen nachgelesen, wie enge Vertraute aus dem Bobsport ihn als raffgierigen, selbstsüchtigen, untreuen Materialisten denunzierten. Auf die Zahl von 17 IM, die auf ihn angesetzt waren, ist er gekommen. Zwei davon hat er daraufhin persönlich zur Schnecke gemacht. Jetzt hat er noch mal Akteneinsicht beantragt, weil es wohl weitere sechs Personen gab, die ihn bespitzelt haben. Er will wissen, wer.

Seine Frau hat sich nie darum gekümmert, wie sehr ihr Leben durchzogen war von Kontrolle und Verrat. Ob sie gedopt allen anderen davongeschwommen ist und, falls ja: womit? Wie oft? Durch wen? „Vielleicht ging nach der Wende alles zu schnell, um dem nachzugehen“, sagt Kornelia Grummt.

Und der Fluchtversuch? Er sagt: „Wir beide haben häufig drüber geredet, auch mit meinen Eltern, mit Freunden sehr oft. Über die Szenen, über die Blitzlichter in unserem Leben.“ Sie sagt zu ihm: „Mit meinen Eltern aber generell wenig, ne?“

Bis Heinz Ender vor zwölf Jahren starb, hätten sie nie mit ihm über das Geschehen in Ungarn gesprochen, erzählt Kornelia Grummt. „Ich habe versucht, es ihm zu ersparen. Zu erfahren, dass wir wirklich probiert hatten zu fliehen. Er fragte ja auch nie. Wenn er mehr hätte wissen wollen, wäre es sicher zum Gespräch gekommen. Aber dazu kam es nicht. Wir haben nie daran gerüttelt.“

Nun, wo es zu spät dafür wäre, macht es ihr nichts mehr aus, offen zu sprechen. „Zum Glück“, sagt sie, „bekommt der Papa die wahre Geschichte nicht mehr mit.“

Gemeinsam mit Detlef Hacke. Erschienen in Der SPIEGEL am 10. Januar 2015.