Eine Horde Affen?

Es dauerte lange, bis die Deutschen ein Sensorium für die ästhetischen Qualitäten des Fußballs entwickelten.

 

Warum bloß, fragte sich Arthur Shadwell vor 100 Jahren bei einem Fußballmatch in Deutschland, waren überhaupt Zuschauer gekommen? In einer 1906 publizierten, vergleichenden Studie über die industrielle Leistungsfähigkeit Englands, Deutschlands und Amerikas beschrieb er die seltsame Zuschauerkultur in Germania. Die Deutschen gaben „nur schwache Zurufe von sich, wenn der Ball ins Ziel flog und waren sonst still“. Shadwell: „Die Zuschauer verstanden das Spiel nicht und waren nur aus Neugierde gekommen.“

Welch Karriere: Heute glaubt jeder Deutsche, mehr als jeder andere über Fußball zu wissen. Heute ist Fußball mehr: die Intensivierung und Darstellung der fundamentalen Werte des gegenwärtigen Lebens, „eine Art meta-sozialer Kommentar, der letzte Ort einer philosophisch-dramatischen Erzählung“, wie der französische Ethnologe Christian Bromberger formuliert. Auf dieser Basis geraten Flanken zu visuellen Kunstwerken, ein schönes Tackling verkörpert ehrliche Arbeit, kurzum: dem Fußball werden ästhetische Qualitäten zugemessen.

Offensichtlich wird jedenfalls aus den Schilderungen Shadwells, dass die Wahrnehmungsfähigkeit darüber entscheidet, ob man ein spannendes Spiel sieht oder bloß ein verstörendes Durcheinander. Auch 1914, als bereits 200 000 Deutsche organisiert Fußball spielen, kommt noch kaum jemand auf den Gedanken, gelungenen Kopfbällen oder Dribblings so etwas wie ästhetischen Charakter zuzusprechen. „Was dem Zuschauer oft als heller Unsinn erscheint,“ schreibt damals die Fachzeitschrift „Fußball“, „ist hier von einem tiefen Sinn erfüllt. Diese dramatische Wucht, dieser packende, an die Massenszenen großer Theater erinnernde und immer wechselnde Verlauf des Spiels mit seinen hitzigen Endkämpfen vor dem Tor und seinen wie aus heiterem Himmel hereinplatzenden Überraschungen wirkt so aufrüttelnd auf die Zuschauer, dass sie von den Bänken aus oder hinter den Zäunen stehend den Segen dieser ungestümen, in den Banden strenger Spielregeln gefesselter Kraftentwicklung mitgenießen.“

Auch wenn offensichtlich ein Fortschritt stattgefunden hat, ist immer noch nicht die Einzelbeobachtung einer konkreten Aktion, die im Vordergrund steht, sondern eine allgemeine literarische Beschreibung, die den Fußball-Kampf mit Massenszenen im Theater vergleicht. Die ästhetische Qualität des Fußballereignisses ergibt sich dann automatisch in seiner Affinität zum wogenden Lebenskampf.

Es existieren viele Polemiken gegen den Fußball in jener Zeit. Kein Text vermag die Ablehnung, die dem Spiel ursprünglich einmal entgegengeschlagen ist, indes besser zum Ausdruck zu bringen als die immer wieder zitierte Polemik „Fusslümmelei“ von Karl Planck aus dem Jahre 1898. Kein anderer Autor hat so drastisch sein Missfallen und sein Unverständnis gegenüber dem neuen Fußballsport zum Ausdruck gebracht wie dieser Stuttgarter Turnlehrer, der das Bild eines Fußballspielers mit folgenden Worten beschrieb: „Das Einsinken des Standbeins in Knie, die Wölbung des Schnitzbuckels, das tierische Vorstrecken des Kinns erniedrigt den Menschen zum Affen, selbst wenn die Haltung nicht den Grad abstoßender Hässlichkeit erreicht, den uns unser Titelbild versinnlicht. Noch ein Tupf mit dem kleinen Finger der Linken, und das prächtige Gebilde stürzt rücklings zu Boden oder kollert in kläglichen Sprüngen dahin, um sich auf den Beinen zu erhalten. Welcher Bildhauer würde sich von einer solchen Erscheinung zu künstlerischer Darstellung begeistern lassen?“

Fußballspieler erniedrigen sich zu Affen! Ja mehr noch: Folgt man Planck, so dürfte ein Künstler einen Fußballspieler nur dann zum Modell nehmen, wenn er absichtlich das Hässliche darstellen wolle oder aber eine satirische Absicht verfolge. Das Zitat macht deutlich, welch vollkommen unterschiedliche Formen der Sportästhetik der Fußball und das Turnen darstellen. Planck fehlt auf der Ebene der Wahrnehmung jedes ästhetische Sensorium. Die Schönheit des Fußballspiels entsteht eben nicht aus besonders harmonischen Einzelaktionen des Spielers, sondern vor allem aus dem Zusammenspiel der Akteure.

Es war kein geringerer als der Pädagoge und Fußballpionier Konrad Koch, der in zwei Repliken genau auf jene Schmähschrift reagierte. Er versuchte anno 1900 die These Plancks, wonach sich der Fußball im Widerspruch zu den Ansprüchen einer ästhetischen Erziehung der Jugend stehe, mit dem Hinweis zu widerlegen, dass „höchste Schönheit erst da erblühen“ könne, „wo sich die höchste Kraftleistung entfaltet“. Zwei Jahre später nahm er erneut die Vorwürfe Plancks auf, um die Vorzüge des Fußballspiels zu veranschaulichen: „In Haufen stürmten sie (die Spieler) dem springenden Balle nach und schleuderten ihn zurück. Hier beugten sich Oberkörper und Schultern rückwärts, dort streckten sich Hälse und Köpfe vor, pressten sich die Glieder an den Leib, ballten sich Hände zur Faust. Der Ball flog, dicht über der Erde rollend. Die stürmenden Gestalten der Jünglinge, zum Knäuel verwirrt, dann sich trennend, wieder auseinanderflutend, rasten vorüber. Das Ganze war ein Bild des Aufruhrs. Der künstlerische Gehalt, den die wilde Poesie unseres Spiels in sich birgt, kann kaum besser zum Ausdrucke gebracht werden.“

Koch entwirft hier ein Schlachtengemälde, in dem die Kühnheit und Verwegenheit der stürmenden Jünglinge der „zahmen Alltagskunst“ gegenübersteht. Für ihn ist die Ästhetik des Fußballs untrennbar mit seiner Affinität zum Kampf verbunden. Deutlich wird vor allem, dass es nicht um die Schönheit des Fußballs geht, wie sie sich von innen heraus darstellt, sondern wie sie nach Außen hin vertreten werden muss. Er beschreibt keinen Pass oder Torschuss, sondern das Hin- und Herwogen der Mannschaften. Wobei der Fußballtheoretiker unausgesprochen voraussetzt, dass seine Leser mit dem von ihm vertretenen „edlen Sinn, den jeder Fußballspieler“ im Kampf erfüllen würde, überstimmen. Koch fährt große Geschütze auf, um die ästhetischen – in letzter Instanz jedoch ethischen – Kritikpunkte Plancks zu widerlegen. Denn unausgesprochen werden hier die Feinde des Fußballs als Feiglinge denunziert. Nicht weniger als sprichwörtliche germanische Kampfeslust wird hier berufen, um die Kritiker verstummen zu lassen und den wahren Charakter des Fußballs aufscheinen zu lassen.

Wir vergessen heute zumeist, wie lange es dauert und wie schwierig es ist, bei einem Fußballspiel die Ordnung in der Unordnung zu erkennen. So setzt sich die Schönheit des Fußballs aus zwei Faktoren zusammen, die im Spiel natürlich nicht voneinander zu trennen sind. Zum einen besteht ein schönes Spiel aus individuellen Aktionen wie einem Dribbling oder einem gelungenen Pass, zum anderen aus dem Zusammenspiel der Akteure einer Mannschaft, dem so genannten „blinden Verständnis“. Planck hatte noch nicht die Möglichkeit, diese beiden Faktoren zu unterscheiden. Er sah lediglich eine Horde wild gewordener Affen, die auch noch glaubten, ein besonders schönes Spiel auszuüben.

Erschienen am 1. Juni 2002 in Die WELT.