Karneval im Krankenhaus

Der arbeitslose Christoph Daum erklärt sich arbeitsunfähig und hält sich beim 1. FC Köln ein Hintertürchen offen. 

Eine solche Szene hat der ältere Herr, der mit Pantoffeln durch die Flure schlurft, noch nicht gesehen. Verbunden mit einem fahrbaren Tropf, betrachtete er ungläubig und neugierig die vielen Menschen im Foyer des St. Elisabeth-Krankenhauses im Kölner Stadtteil Hohenlind. Die Nase mit einem dicken Mullverband versehen, schüttelt ein jüngerer Mann im gestreiften Bademantel ebenfalls den Kopf über diese 100 Menschen fassende Journalistenmeute, die tuschelt und Gerüchte kolportiert, während sie auf den derzeit arbeitslosen Fußballtrainer Christoph Daum wartet. Die Hinweisschilder in dem rund 100 Quadratmeter großen Vorraum der Klinik weisen hin auf „Notaufnahme“, „Patientenverwaltung/Kasse“ oder „Seelsorge“. Und draußen trotzen die „Blauen Funken“, eine traditionsreiche Karnevalsgesellschaft, dem nasskalten Wetter. Denn in gut einer Stunde beginnt die Karnevalssaison, um 11.11 Uhr am „Elften Elften“. Die Jecken stehen hier, weil sie zu den Stiftern der neuen Glocke in der Krankenhauskirche gehören, in diese Glocke – man ahnt es – ist eingeschlagen „Kölle Alaaf“.

Zeitpunkt und Ort dieser bizarren Veranstaltung am Samstag Vormittag, in der Daum sich zum offiziellen Angebot des 1. FC Köln äußert, könnte man nicht besser inszenieren. Auch die heilige Elisabeth, die Namenspatronin der Klinik, kurierte im Mittelalter Kranke und Pflegebedürftige. Und braucht der dahinsiechende 1. FC Köln in diesen Zeiten keinen Heilsbringer wie Daum? Aber all das „ist ein Zufall“, behauptet Daum. Dabei kann der 53-Jährige sein Lächeln, seine diebische Freude über diesen spektakulären Coup vor knapp 20 TV-Kameras, aber nur mit allergrößter Mühe verbergen.

Es ist sein größter Auftritt seit 2000, als er, weil sein Haar positiv auf Kokain getestet worden war, von Bayer Leverkusen gefeuert und in einem Prozess zu einer Bewährungsstrafe verurteilt wurde. Der offizielle Grund dieses Termins, die Verkündung des ärztlichen Bulletins wegen seiner Halserkrankung, hat sich eigentlich schon erledigt: Nach der Pressekonferenz wird Daum nach Hause entlassen. Und so gerät das Statement seines Arztes zur Nebensache. „Als Christoph Daum hier am 6. November notfallmäßig eingewiesen wurde, hatte er folgende Beschwerden: Kiefernklemmen, leichte Atemstörung, starke Schluckbeschwerden“, erklärt Professor Jochen Wustrow und dementiert Gerüchte um eine Hautkrebserkrankung: „Keine Geschwüre.“ Die Mandeln seien entfernt worden, Daum werde sich zwei, drei Wochen erholen müssen. Und, ach ja: „Es fällt ihm noch schwer zu sprechen.“

Und dann spricht Daum. Das heißt: Er legt, als er das Mikrophon ergreift, zunächst eine Kunstpause ein. Wie professionell er mit den Medien arbeitet, mit ihnen förmlich spielt, hat er schon in den ersten Momenten bewiesen, als er sich langsam in alle Richtungen dreht, damit jeder Fotograf zu einer schönen Aufnahme gelangt. Er betont, noch Schonung zu benötigen („Es war eine bedrohliche Situation“). Dann sagt er: „Besteht noch irgendeine andere Frage “ Dass ihn Kölns Manager Michael Meier am Krankenbett als „Wunschkandidat“ des Klubs bezeichnet hat, schmeichelt ihm. Aber er wolle nur bei einem Klub mit „internationalen Perspektiven“ arbeiten, in der Champions League, und das „ist beim 1. FC Köln nicht der Fall“. Er vermeidet das Wort Absage ganz bewusst, sondern formuliert es diplomatischer: „Ich bin hier zu Hause, hier bin ich groß geworden. Das ist ein sehr emotionaler Faktor, das macht die Sache schwierig. Beim 1. FC Köln ist alles anders, die Leute hängen an diesem Klub. Es ist nicht so einfach zu sagen: Nein, das kommt nicht in Frage.“ Derzeit, betont er immer wieder, „stehe ich keinem Klub zur Verfügung. Ich bin nicht arbeitsfähig.“

Andere Sätze indes entfachen weitere Spekulationen. Der Klub müsse, so Daum, wieder „in die Spitzenposition“ gebracht werden, „die er vor 16 Jahren hatte“. Und dass er alles tun werde, möglichst bald eine gemeinsame Erklärung mit dem 1. FC Köln zu finden. Exakt 18 Minuten dauert das bizarre Schauspiel. „Ich bekam viel Unterstützung und Liebe in den letzten Tagen“, bedankt sich Daum am Ende. Am nächsten Tag berichtete der Kölner Express von der Fortsetzung des ewigen Kölner Romans. Angeblich 2,5 Millionen Euro pro Saison fordert Daum vom Zweitligisten, den er von 1986 bis 1990 coachte, und einen Vierjahresvertrag. Angeblich haben auch Klubpräsident Wolfgang Overath und Meier ihren Wunschtrainer noch einmal besucht und mit ihm verhandelt.

Richtig rund macht die Sache aber erst Fritz Schramma. Der Mann, der mit dem Wahlversprechen Oberbürgermeister wurde, den Kölnern ein neues Fußballstadion zu bauen, griff nach der Sessionseröffnung am Alter Markt zum Hörer und telefonierte mit Daum. „Ich hoffe, dass er sich recht schnell entscheidet, nicht erst in ein paar Monaten“, wurde Schramma gestern im Express zitiert. Kein Karnevalsscherz. Nach Jahren der „Entkölschung“, wie Dirk Lottner die Rationalisierung unter Manager Andreas Rettig einst nannte, bietet der FC wieder reichlich Stoff für Volkskundler und Folkloristen.

Erschienen am 13. November 2006 in der Frankfurter Rundschau.