Hollywood unterm Kölner Dom

Sportmuseum gießt Deutschlands Traumelf in Bronze – Neu in der Hall of Fame: Hans Schäfer.

Nun also steht dieses in Bronze gegossene Objekt vor ihm, präpariert für die Ewigkeit, und obwohl Hans Schäfer vorbereitet war auf diesen Moment, scheint es fast so, als könne er kein Wort mehr herausbringen. Der Weltmeister von 1954 ist gerührt. Nein, sagt Schäfer bescheiden, er kann es immer noch nicht glauben, „dieser Elitetruppe anzugehören“. Soeben ist er aufgenommen worden in die „Deutsche Fußball Hall of Fame“, nach den beiden Walter-Brüdern, Uwe Seeler, Franz Beckenbauer, Wolfgang Overath, Günter Netzer und Berti Vogts ist er nun das achte Mitglied.

Vor gut einem Jahr schon hatte Schäfer jenen Körperteil für die Privatausstellung im Deutschen Sport- und Olympiamuseum zu Köln in Gips gießen lassen, für den er von seinen Fans geliebt wurde: seinen linken Fuß, Schuhgröße 42. Mit ihm schlug er im WM-Finale 1954 die Flanke, in deren Anschluss Helmut Rahn zum entscheidenden 3:2 gegen die Ungarn einschoss. Ihm verdankt er die 39 Länderspiele und 15 Tore sowie 515 Spiele mit sagenhaften 750 Toren für seinen 1. FC Köln – gekrönt von zwei Meisterschaften. Mit 36 noch wurde er 1963 zum „Fußballer des Jahres“ gewählt.

Schäfer war der beste Linksaußen, den Deutschland je hatte. Schon zu Lebzeiten wurde der bald 75-Jährige zur Fußball-Legende. Doch er will über all das am liebsten nicht reden. „Nie“, sagt er, „habe ich irgendein Buch über den Sieg in Bern gelesen“, selbst das Band mit dem berühmten Radio-Kommentar Herbert Zimmermanns, das er seit 1954 besitzt, hat er sich nie angehört. Da ist er wieder ganz „de Knoll“, zu hochdeutsch „der Dickkopf“. Er will sich seine Erinnerungen, so scheint es, nicht durch irgendwelche Dokumente zerstören lassen.

Nun, da er in die Ruhmeshalle aufgenommen werden sollte, wollten alle Aufnahmen mit ihm, der WDR etwa oder das Boulevard-Magazin „Brisant“. Schäfer hat alles abgelehnt. Seit neun Jahren hat er kein Interview mehr gegeben. Weil er es hasst, im Mittelpunkt zu stehen.

Aber im Kölner Sportmuseum steht er ja nicht im Mittelpunkt, jedenfalls ist er nicht allein. Die Idee einer Ruhmeshalle entsprang übrigens einer privaten Initiative. Der Zahnchirurg Frank Braun und die Designerin Brigitte Schmitges wollen auf diesem ungewöhnlichen Wege „die großen Fußball-Helden ehren und in den Annalen des deutschen Fußballs verewigen“.

Ihnen prostet Schäfer nun mit einem Sektglas zu. 1998 waren sie es, die zuerst Uwe Seeler zu einem Abdruck für eine Vollplastik seines Fußes überredeten, und mit den Empfehlungen Seelers kam der Stein ins Rollen. Die Ehrung besteht aus einem großen gemalten Porträt, der Vollplastik, sowie aus einem in Bronze gesetzten Fußabdruck, der später einmal in eine Straße des deutschen Fußballs integriert werden soll; Hollywood und der Sunset Boulevard lassen grüßen. Jeder Spieler bekommt ein Exemplar, ebenso die Geburtsstadt, die Fifa, der DFB – und jeweils zwei Abgüsse werden für wohltätige Zwecke versteigert.

Es ist eine Merkwürdigkeit deutscher Sportkultur, dass sich Einrichtungen wie die Hall of Fame bislang nur schwer durchsetzen können. Offenbar fehlt den Anhängern jener Hang zur bedingungslosen Verehrung, mit der etwa in den USA großen Sportlern gehuldigt wird. Dort existieren für fast jede Sportart solche Gedächtnisstätten, selbst eine „Soccer Hall of Fame“.

Wie anders dort die Beziehung zwischen Fans und Stars ist, zeigt vor allem das kleine Städtchen Georgetown, Standort der „Baseball Hall of Fame“. Dorthin pilgern Fans des amerikanischen Spiels, um sich an Heroen wie Babe Ruth oder Joe DiMaggio zu erinnern.

Im deutschen Fußball aber fehlt bisher eine derartige Institution, möglicherweise ändert sich das bald. Laut DFB-Mitarbeiter Georg Behlau besteht seit der großen Fußballausstellung 2000 in Oberhausen anlässlich des 100. Verbandsgeburtstages „das Ziel, ein Museum zu installieren und zu etablieren“, doch könne der DFB derzeit ein solches Projekt „finanziell nicht heben“.

So wird die Galerie der Bronzefüße wohl auch die nächsten Jahre in einer kleinen Ecke des Sportmuseums in Köln beheimatet sein und dort weiterwachsen. Im Oktober wird der Bronzefuß Horst Eckels, Mannschaftskamerad von Schäfer 1954, präsentiert, und die Gipsabdrücke von Gerd Müller und Sepp Maier stehen bald an. Dann wäre die Traumelf komplett.

Erschienen am 2. September 2002 in Die WELT.