FC Wotan gegen Alemannia Siegfried

Kicker, Fouls und Hattrick: Dass die Fußballsprache eine englische ist, passte dem „Führer durch die Sportsprache“ von 1936 gar nicht.

 

Der Fachjargon des Sports, vor allem der des Fußballs, hat sich tief eingefräst in die Sprache des Alltags. Termini wie Steilflanke oder Doppelpass sind Gewohnheit geworden, Begriffe wie Fallrückzieher, Grätsche und Gelbe Karte selbstverständlich. Das linguistische Produkt einer durch und durch versporteten Gesellschaft.

Noch in den Dreißigern lebten noch Sport-Unkundige. Anlässlich der Olympischen Spiele 1936 in Berlin sah sich ein „Amt für Sportwerbung“ genötigt, die Begriffe des Sports in einem „Führer durch die Sportsprache“ zum Thema zu machen. Ein amüsanter Eiertanz ist dieses Heft. Denn natürlich musste der Sport auf seiner Reise vom „verhassten Albion“ auf den Kontinent auch seine britischen Vokabeln im Gepäck mit sich tragen, um die Kommunikation bei Sport und Spiel in den Griff zu bekommen. Klar, dass diese Sprache keinen uniformen Normen folgte, handelte es sich laut Sportsprachenführer um eine „gesetzlose Sprache“, die so „schön in ihrer unbeschwerten Treffsicherheit“ war.

Trotz der Begeisterung für die sprachliche Präzision setzten die nationalsozialistischen Wortdrechsler alles daran, die englischen Fachausdrücke zu eliminieren. Unter anderem schlug der Sportsprachenführer vor, „hat trick“ mit „dreimaliger Torerfolg eines Stürmers innerhalb eines Spieles“ zu übersetzen. Der Leitfaden blickte sorgenvoll in die Zukunft, es werde für Begriffe wie „foul“ ziemlich schwer fallen, einen „der Abstammung nach einwandfreien deutschen Ausdruck zu finden“, schließlich gehöre „foul“ schon zu den Fußballplätzen wie die Tribünen, und die Leute riefen selbst dann „foul“, wenn sie „gleich ihr Leben damit verwirken würden“.

Doch hat sich diese höchst subversive, weil dem Wortschatz des englischen Feindes entspringende Vokabel bis heute gehalten. Vielleicht lag das daran, dass sich Fußball in den 30-er Jahren schon zum Volkssport entwickelt hatte. „Richtige Laien in der Fußballsprache gibt es überhaupt nicht mehr“, konstatierte auch der Sprachführer, „und wenn sich in Deutschland wirklich noch ein nicht zu bekehrender Gegner dieses Spiels finden sollte, er kann sich gar nicht dagegen wehren, dass ihm der Fußballjargon eingeht.“ Die abschließende Forderung des Sprachakrobaten, „dass eine wirklich deutsche Sportsprache entsteht“, war jedenfalls nicht auf ganzer Ebene erfolgreich. Und das trotz der großen Zuversicht, die sich in die mahnenden Worte mischte, denn „je mehr sich eine Sportart ins Volk gedrungen ist, um so mehr hat sich auch ihre Sprache verdeutscht“.

Eine solche Forderung stand in bester Tradition zum Wirken des Deutschen Sprachvereins, der bereits Ende des 19. Jahrhunderts die „Ausmerzung“ des englischen Sportjargons verlangt hatte. Dass sich in modische Trikots gekleidete Jugendliche, die sich in den öffentlichen Parks mit dem neuartigen Spiel vergnügten, mit Vokabular wie „referee“, „corner“ oder „forward“ verständigten, war den Hütern deutscher Sprachkultur ein Dorn im Auge. Und weil alles, was „Engländerei“ nahe kam, die Zukunft des Spiels in Deutschland gefährdete, schritten die fußballbegeisterten Pädagogen zur rigorosen Übersetzung der Fußballfremdwörter.

So auch der deutsche Pionier des Fußballs, der Lehrer und Philologe Konrad Koch aus Braunschweig. Ganz dem Zeitgeist verhaftet, zeugt sein Aufsatz „Das Fußballspiel im Jahre 1900“ von den Motiven der deutschnationalen Fußballfunktionäre: „Man will auf den deutschen Spielplätzen gut deutsche Kunstausdrücke einführen und jenes hässliche Kauderwelsch, das dort leider vielfach herrscht, gänzlich ausrotten. Es ist freilich unleidlich, wenn jetzt schon die kleinsten Fußballspieler, oft kaum zehnjährige Knaben, mit Ausdrücken um sich werfen und darin eine Feinheit des Spiels suchen, die weder deutsch noch englisch sind. Jeder deutschfühlende Zuschauer kommt in Versuchung, einem solchen Bürschchen, wenn es von ,Goal‘ und von ,Kicken‘ spricht, handgreiflich darzuthun, wie wenig sich das für einen deutschen Jungen passt.“

Noch schlimmer fand es Koch, wenn sich Jugendliche bei Klubgründungen nach englischen Vorbildern richteten: „Den stärksten Missklang hat aber ein süddeutscher Verein zu erzielen verstanden, der sich ,Die Kickers‘ nennen zu lassen für eine Ehre zu halten scheint. Wir finden schon Namen wie ,Preußen‘, ,Frankfurt‘, ,Hohenzollern‘, ,Eintracht‘ usw. Mich möchte dünken, dass auch ,Wotan‘, ,Siegfried‘, ,Hagen‘, ,Hermann‘ nicht übele Taufpaten für Fußballvereine abgeben könnten.“ Deutscher ging’s nicht.

So waren bald an allen Fußballplätzen die Plakate des Deutschen Sprachvereins angebracht; die Aktiven wurden darauf gebeten, „sich von den englischen Ausdrücken ganz frei zu machen und die folgenden anerkannten Verdeutschungen anzuwenden.“ In der Tat haben sich die meisten Termini des Fußballs in dieser Zeit ins Deutsche eingebürgert. Nur wenige Begriffe wie „Pass“ oder „fair“ haben sich erhalten. Aber „centre-forward“ wurde zu Mittelstürmer, „drawn“ zu Unentschieden, und der „linesman“ zum Linienrichter.

Nicht alle Eindeutschungen setzten sich durch. Lange bevor Franz Beckenbauer die Bühne des deutschen Fußballs betrat, hatte Koch zum Beispiel den „Kaiser“ erfunden: „Von meinen alten Verdeutschungen aus den siebenziger Jahren möchte ich persönlich trotz allen Einspruches daran festhalten, den Führer der Partei nach altbraunschweigischer Sitte ,Spielkaiser‘, abgekürzt ,Kaiser‘, zu nennen, in der Meinung, dass dieses Kraftwort allein das unangenehme Fremdwort ,captain‘, sprich Käpt’n, zu verdrängen imstande ist und auf den Spielenden nicht mehr auffallend sein wird, wenn sie schon auf der Schule daran gewöhnt sind.“

Die meisten militärischen Konnotationen, die heute abgeschwächt mit Flanke, Verteidigung, Angriff, Schlachtenbummler zum Ausdruck kommen, entstammen dem Kaiserreich, und sie stellen eine Integrationsleistung des Fußballsports dar. Wenn der Sportjournalismus heute diese Vokabeln benutzt, weckt das bei Beobachtern kaum militärische Assoziationen. In der aggressiven Atmosphäre Ende des 19. Jahrhunderts jedoch bezeichnete das Symbol des Fußballspiels in Deutschland einen konkreten „Kriegszustand“.

Heute sind diese Begriffe ein Anachronismus, und sie werden höchstens hochgekocht, wenn es gegen England geht. Langweilig wird die Sportberichterstattung in Deutschland dennoch nicht. Dafür sorgen die Dativkünste eines Andreas Brehme oder die linguistischen Stunts Berti Vogts‘. Nicht zu vergessen Bruno Labbadia, der gerne die Sache etwas „hochsterilisierte“. Aber das ist ja nicht mehr die Sprache des Sports, sondern die Sprache der Sportler, und deswegen ein ganz anderes Kapitel.

Erschienen in der Literarischen Welt am 22. Juni 2002