Dr. Finn und Mr. Lemke

Finn Lemke war eine Schlüsselfigur beim EM-Triumph 2016. Zuvor übersahen die Scouts den Abwehrchef, der den Klischees des harten Handballsports trotzt. Nur 15 Monate vor Krakau haderte Lemke noch schwer mit sich. Die Geschichte eines kuriosen Aufstiegs.

 

Bevor es in die Arena geht, hinaus in die letzte Schlacht, verdeckt Oliver Roggisch das Objektiv der TV-Kamera mit einem Tuch. Und man hört in der Kabine der deutschen Handballnationalmannschaft nur noch dieses Brüllen. „Jungs, wir gehen da jetzt rein“, schreit jemand, die Stimme überschlägt sich fast. „Den Schritt tun wir zusammen. Wir fighten jetzt zusammen und holen uns das Ding, los jetzt!“ Dann ertönt der Schlachtruf: „bad boys!“ Was dann genau passierte in den historischen 60 Minuten von Krakau, dem 24:17-Triumph im EM-Endspiel gegen Spanien, was er genau vor dem Anpfiff brüllte, erinnert Finn Lemke später nicht mehr. „Ich war in einem Tunnel“, berichtet er später.

Aber er macht im deutschen Deckungszentrum enormen Eindruck. Es gibt eine Szene, in der Spaniens Kapitän Victor Tomas, 1,78 Meter, erschrocken nach oben blickt, als dieser Finn Lemke, 2,10 Meter, ihm mitten ins Gesicht brüllt. „Er hat ein unglaubliches Feuer in den Augen“, freut sich Teammanager Roggisch in Polen, weil für ihn endlich ein würdiger Nachfolger als Abwehrchef gefunden worden ist. „Finn Lemke hat eine überragende Präsenz gehabt – in der Kabine und auf dem Spielfeld“, würdigt Bundestrainer Dagur Sigurdsson kurz nach Krakau Lemke als eine Schlüsselfigur. „Er hat das ausgestrahlt, was wir ausstrahlen wollten. Das hat er überragend gemacht.“

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15 Monate vor Krakau, am 29. Oktober 2014, spielt die deutsche Nationalmannschaft in Gummersbach gegen Finnland, EM-Qualifikation, es ist das dritte Spiel unter dem neuen Bundestrainers Sigurdsson. Lemke, damals 22 Jahre alt und beim TBV Lemgo unter Vertrag, ist nicht dabei. „Sigurdsson plant mit ihm, das hat er mir gesagt. Er will mit großen Leuten spielen“, berichtet damals TBV-Coach Niels Pfannenschmidt. Doch irgendetwas stimmt mit Lemke nicht. „Er hat ein Problem zwischen den Ohren“, sagt Wolfgang Sommerfeld, der Lemke in dieser Zeit als Mentor im DHB-Eliteförderungsprogramm betreut, kopfschüttelnd in Gummersbach. „Wenn es gut läuft bei ihm, dann spielt er durch. Wenn es nicht läuft, dann kollabiert er fast. Ich glaube, dass es daran liegt, dass er, wenn er in Stresssituationen gerät, zu sehr atmet und dadurch die Lungenversorgung nicht mehr richtig funktioniert. Solche Dinge gibt es häufiger im Leistungssport, aber daran kann man arbeiten.“ Pfannenschmidt sagt: „Finn bricht nach erfolglosen Aktionen förmlich in sich zusammen. Nach einer Viertelstunde kann er nicht mehr, obwohl seine Laktatwerte eigentlich gut sind. Physiologisch ist das nicht zu erklären.“ Der Trainer, der recht ratlos wirkt, empfiehlt dem Spieler ein Gespräch mit einem Sportpsychologen. Lemke lehnt das ab. „Er blockt da total“, sagt Pfannenschmidt.

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Diese beiden Geschichten passen so gar nicht zusammen. Eine Welt liegt zwischen den beiden Lemkes aus dem Oktober 2014 und aus dem EM-Finale in Krakau. Zugleich machen sie klar, wie kompliziert die Dinge im Leistungshandball manchmal liegen. Wie kann jemand, der mit derartigen mentalen Problemen in der Bundesliga zu kämpfen hat, sich in nur 15 Monaten zum „Aggressive Leader“ des Europameisters entwickeln? Wie kann jemand, der selbst kaum Worte findet für die unerklärlichen Leistungseinbrüche, diese furiose letzte Ansprache halten? Weitere 15 Monate nach dem Triumph von Krakau hat sich Finn Lemke mit dem HANDBALL inside getroffen, um diese Verwandlung zu erzählen. Es ist der erste Tag unter Bundestrainer Christian Prokop. Bei der Ankunft Lemkes in Hamburg wimmelt es vor wilden Tieren, weil das Team in der Nähe des berühmten Zoos Carl Hagenbeck logiert. Ein steinerner Braunbär auf der Auffahrt, ein holzgeschnitztes Nilpferd im Eingangsbereich, ganze Regale des Foyers sind vollgestellt mit kleinen schwarzen Elefanten und Zebras. Auf dem Fahrstuhl des Hotels, in dem Mitte März die Nationalspieler peu á peu eintreffen und sich begrüßen, ist eine historische Landkarte der Savanne angebracht.

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Einigen Spieler, die heute gemeinsam mit Lemke den deutschen Handball repräsentieren, ist er früh begegnet. Gegen Matthias Musche, der mit ihm aus Magdeburg angereist ist, und Philipp Weber spielt er bereits in der A-Jugend-Regionalliga. Das Duo trägt das Trikot des großen SC Magdeburg, Lemke spielt für die kleine HSG Schwanewede/Neuenkirchen, einem Verein nördlich von Bremen. Lemkes Augen leuchten, wenn er über diese Zeit nachdenkt. „Ich komme ja aus Amateurverhältnissen“, sagt er mit erkennbarem Stolz. Sein Vater Jan-Peter war lange im Vorstand der HSG und ist heute noch Hallensprecher, seine Mutter Kirsten ist Spielwartin. Auch die beiden Brüder spielen Handball, sein 19jähriger Bruder Jari, der ebenfalls viel Talent besitzt, derzeit bei den Youngsters in Lemgo. „Meine Familie hat Handball immer gelebt“, sagt Lemke. Er ist seiner Familie dafür dankbar, aber auch seinem Verein. „Das war damals mein Glück, dass Schwanewede in dieser Klasse spielte.“ Er ist einer der Besten in seinem Team, das ja. Aber hochfliegende Träume verfolgt Lemke nicht. Irgendwann mal in der Regionalliga auflaufen, so lautet sein bescheidenes Ziel. Fast wäre dieses Talent dem deutschen Handball verloren gegangen.

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In seinem zweiten Jahr in der A-Jugend Schwanewede wird Lemke immer besser. Er spielt nun manchmal bei den HSG-Männern, erzählt er. „Dadurch habe ich etwas mehr Härte gewonnen.“ Er wirft sehr, sehr viele Tore aus dem Rückraum. Und doch fällt er durch den Rost der Sichtung, weil sich das kleine Bundesland Bremen damals am Länderpokalturnier, dem wichtigsten Vorspielwettbewerb der Jugend, nicht beteiligt. Trotz seiner 2,10 Meter Körpergröße – unfassbar eigentlich – bleibt Lemke unsichtbar für die Scouts in der Bundesliga und beim DHB. „Da fragt man sich schon, warum so jemand durch das System rutschen kann“, brummt im Jahr 2014 DHB-Sportmanager Heiner Brand. Der Mann, der schließlich die Startrampe für die große Karriere des Finn Lemke baut, sitzt in Lemgo: Niels Pfannenschmidt. „Finn war mir aufgefallen, weil er in der Torschützenliste so weit oben stand“, erinnert sich Pfannenschmidt, der damals für die TBV Youngsters verantwortlich ist. Der Trainer ruft bei den Lemkes an, erkundigt sich und kündigt an, Lemke einmal beobachten zu wollen. Er wählt ein Auswärtsspiel der HSG in Hildesheim. „Mein Vater wusste Bescheid“, erzählt Lemke. „Aber ich habe immer gesagt: Sag mir bitte nichts.“ Die Nervosität …

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Die Erinnerung Pfannenschmidts an dieses Spiel in Hildesheim ist noch frisch – weil man von Lemke im Positionsspiel kaum etwas sehen kann. „Finn wurde die ganze Zeit in Manndeckung genommen“, sagt der Trainer. „Dennoch war seine gute Spielfähigkeit schon auf den ersten Blick zu erkennen.“ Pfannenschmidt will den Jungen. Im Sommer 2011, Lemke ist 19 Jahre alt und hat just sein Einser-Abi gebaut, wechselt er nach Lemgo und wohnt zunächst in einer Art Teilinternat. Lemke soll bei den Youngsters entwickelt werden und beginnt zugleich eine Lehre als Bankkaufmann. Die Gespräche mit Finn und den Eltern hat Pfannenschmidt in guter Erinnerung. „Er hat eine sehr gute Erziehung, ein angenehmes Elternhaus, das war immer sehr leicht, die verschiedenen Dinge, die bei so einem Wechsel anstehen, zu klären.“ Der Systemfehler des deutschen Handballs ist damit behoben. Lemke feixt heute, wenn er an seine damalige Physis denkt, an seinen staksigen, unbeholfenen Auftritt. „Ich sah damals aus wie Bambi auf dem Eis“, sagt er und lacht. „Als ich nach Lemgo kam, wog ich bestimmt 15 Kilogramm weniger. Es fehlte die Substanz.“ Es sieht auch heute nicht nach Ballett aus, wenn Lemke sich bewegt, aber das liegt auch daran, dass er in Relation zu seinen Körpermaßen extrem kleine Füße hat: Schuhgröße 45. Der Trainer indes sieht sofort, dass Lemke die passende Mentalität für den Leistungshandball mitbringt. „Er ist ein Musterprofi, unheimlich zuvorkommend, er gibt immer alles im Training, so wünscht man sich das als Trainer“, sagt Pfannenschmidt. „Finn jammert nicht. Finn macht.“ Als Sigurdsson als Bundestrainer aufhört, sagt er zu Lemke: „Du warst einer der wenigen, die immer gebrannt haben.“

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Der Umzug nach Lemgo, soviel lässt sich sagen, beeinflusst die Biografie Lemkes nachhaltig. In der Berufsschule lernt er ein Mädchen kennen, Jacqueline, er zieht bald mit ihr zusammen. Im Juli 2017 wird das Paar in Bad Salzuflen heiraten, „am 7.7., damit ich mir das merken kann“, lacht Lemke. Der Teenager entdeckt zugleich seinen Sinn für soziales Engagement. Schon in dieser Zeit entwickelt er den Plan, nach dem Abschluss seiner Banklehre Soziale Arbeit zu studieren. Der junge Handballer arbeitet ehrenamtlich in einem Lemgoer Kinderhospiz und hilft auch bei der Tafel. „Ich bin privilegiert und habe viel Zeit. Ich mache das gern“, sagt er Anfang 2014, da ist er schon Nationalspieler. „Finn wirkte zuerst noch sehr unbeholfen, aber er hat sich dann unheimlich schnell entwickelt, ein rasantes Tempo hingelegt“, sagt Pfannenschmidt. „Ich habe ihn zuerst nur im Angriff eingesetzt, weil er für die Abwehr zu langsam war. Er war damals noch sehr steif, seine Bewegungen waren statisch. Aber er hat unheimlich an diesen Defiziten gearbeitet.“ Als Pfannenschmidt die Bundesligamannschaft des TBV übernimmt, wird auch Lemke bald hochgezogen. Und dort steht Lemke, bis dato lediglich als Angriffsspieler eingestuft, plötzlich auch im Deckungszentrum. „Irgendwann fehlte jemand in der Abwehr“, erzählt Lemke, „eigentlich waren Hendrik Pekeler und Timm Schneider damals vorgesehen, es fehlte ein dritter Mann. Und vielleicht fehlte es auch am Geld.“ Lemke versteht sich auf Anhieb prächtig mit Pekeler: Es war die Geburt des „Baby-Blocks“, der bei der EM in Polen alles abräumt, was da so entgegengeflogen kommt.

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Nach der späten Entdeckung verläuft der Aufstieg steil. In Lemgo glänzt er bald auch im Gegenstoß. „Wenn er aus der Abwehr mit Tempo anrauscht, ist er eine echte Waffe“, sagt Pfannenschmidt. Aber dann folgt, wie so oft, wenn sich die Physis eines Leistungssportlers so rasant entwickelt, ein Rückschlag. Im Jahr 2013 erkrankt Lemke am Pfeifferschen Drüsenfieber. Sportverbot, mehrere Monate. Die ganze Substanz, die er sich mit so viel Energie aufgebaut hat, sie schmilzt wie Schnee in der Sonne. Bei seiner Rückkehr in den Leistungshandball tut sich Lemke schwer. Im Sommer 2013 beruft ihn Markus Baur dennoch in den Kader für die Junioren-WM in Bosnien. „Ich habe mich so darüber gefreut“, erinnert er sich. Er sieht vor allem die große Chance, damals sind große Talente wie Simon Ernst und Julius Kühn dabei, auch sein früherer Weggefährte Musche. Und sagt schließlich zu, obwohl sein Fitnesszustand das eigentlich nicht zulässt. Musche, erzählt er, kugele sich heute noch vor Lachen, weil die Laktatwerte Lemkes abenteuerlich schlecht ausfallen: „Die anderen waren gerade erst angefangen – und ich hing schon halbtot über dem Zaun.“

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Als er nach Ostwestfalen zurückkehrt, spürt Lemke, dass die Belastung zu früh gekommen ist. Er spielt zwar regelmäßig in Lemgo, Abwehr und Angriff, auch auf gutem Niveau, aber er benötigt jetzt diese vielen merkwürdigen Pausen. Dennoch: Martin Heuberger beruft ihn das erste Mal in die Nationalmannschaft, als er jüngere Spieler testen will. Am 3. Januar 2014 spielt er das erste Mal für Deutschland, gegen Österreich wirft und wirft Lemke immer wieder aufs Tor und trifft doch kein einziges Mal. Er wirkt niedergeschlagen. Doch in den folgenden Spielen demonstriert er sein Potenzial. In seinem vierten Länderspiel in Tunis sind nicht nur seine Entschlossenheit und Wurfkraft zu sehen, sondern auch seine fantastische Spielübersicht. Lemke spielt so gut, dass es ihm fast ein bisschen peinlich ist. Als der Reporter vom Sportinformationsdienst in einem Hotel in Hammamet ihm zu seiner guten Leistung beglückwünscht, bringt ihn das in echte Verlegenheit. Er errötet etwas. Der damalige DHB-Präsident Bernhard Bauer sagt: „Finn erinnert mich an Erhard Wunderlich.“

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Als Sigurdsson im August 2014 das Amt des Bundestrainers übernimmt, signalisiert er früh, dass er mit Lemke arbeiten will. Aber Lemke müsse stabiler werden. Wolfgang Sommerfeld kümmert sich darum. „Ich habe mit Wolfgang wirklich sehr oft darüber gesprochen“, erinnert sich Lemke. „Es war so, dass ich nach schlechten Aktionen fast zusammengebrochen bin. Wolfgang hat gesagt: ‚Guck Dir Deine Körperhaltung an, das geht so nicht.‘“ Es ist eine Zeit des Grübelns. „Vielleicht lag es auch daran, dass die Erwartungen, die ich an mich gestellt habe, zu hoch waren“, so sieht er es heute. „Ich glaube, dass das Pfeiffersche Drüsenfieber vor gut einem Jahr immer noch die Ursache dafür ist“, sagt damals Pfannenschmidt. Im Herbst 2014 jedenfalls sagt Lemke für die WM 2015 in Doha ab, offizielle Begründung ist ein Mittelhandbruch. Aber die Physis für die Strapazen, die ein solches Turnier mit sich bringt, hätte ohnehin nicht gereicht. Lemke trifft diesmal die richtige Entscheidung. Er stabilisiert sich nun auf so hohem Niveau, dass Sigurdsson ihn für die EM-Qualifikation in Mannheim gegen Spanien nominiert. Der dramatische 29:28-Sieg gegen die Iberer ist sein siebtes Länderspiel. Seitdem ist er Stammspieler. Zur Stabilität trägt womöglich auch bei, dass er seine Zukunft geregelt hat. Ein Angebot vom HSV Hamburg schlägt er aus, weil sich die HSV-Verhandlungsführer unmöglich verhalten. Auch eine lukrative Offerte der SG Flensburg-Handewitt lehnt er ab. Er unterschreibt für die Saison 2015/16 in Magdeburg, weil er sich dort mehr Spielanteile erhofft.

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Die eigentliche Geburt Lemkes als Leuchtturm in der Nationalmannschaft ist im Januar 2016 in Breslau zu bewundern. Der ungewöhnliche Kampfgeist, den Lemke bei der Europameisterschaft ausstrahlt, fällt allen Beobachtern ins Auge. „Finn hat sich in diesen drei Länderspielen hier so entwickelt, wie ich es selten von einem Nationalspieler gesehen habe“, sagt Roggisch nach dem 25:21-Sieg im letzten Vorrundenspiel gegen Slowenien. Dass Lemke im zweiten Gruppenspiel gegen Schweden jenen Tempogegenstoß in der letzten Minute, der die Entscheidung gebracht hätte, auf absurde Art über das Gehäuse jagt – das ist Bundestrainer Sigurdsson egal. Er schätzt Lemke als Abwehrturm, der sich furchtlos in die Schlacht wirft. „Finn spielt unglaublich aggressiv, ist unser Motivator“, sagt sein Nebenmann Hendrik Pekeler in Polen und meint lächelnd, Lemke sei zu einem „Mann“ geworden. Und natürlich wird dieser krasse Gegensatz erzählt, den diese Figur ausstrahlt: Diese Höflichkeit Lemkes außerhalb des Spielfeldes, die etwas aus der Zeit gefallen wirkt, und die grimmige Entschlossenheit und die böse Miene des Abwehrchefs in diesem harten Männersport Handball: Dr. Finn & Mr. Lemke. Er selbst kommentiert das mit Selbstironie. „Bei bad boy denke ich immer an einen Mann mit Vollbart und Messer zwischen den Zähnen“, sagt er in Polen und streicht mit der Hand über sein Kinn: „Bei mir ist da nur Flaum.“ Die Frankfurter Rundschau nennt ihn einen „sanften Spielverderber“.

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Seitdem ist Lemke eine öffentliche Figur, und irgendwie doch nicht. Er entzieht sich weitgehend den Ritualen der PR, die nach solchen Triumphen zu sehen sind. Während Andreas Wolff einen Termin nach dem anderen absolviert, sucht Lemke die Ruhe in Magdeburg. „Mein Ziel ist bestimmt nicht, Bekanntheit zu erlangen oder gar berühmt zu werden“, sagt er heute. Es kommen zahlreiche Werbe-Anfragen, aber die meisten lehnt er ab. Kürzlich hat er einen Vertrag mit dem Portal weplayhandball unterschrieben, damit könne er sich identifizieren, sagt er. Er denkt auch darüber nach, mit einer kleinen Agentur aus Bremen eine Marke zu entwickeln. Zugleich braucht er die Fluchten. „Ich freue mich immer, wenn ich mal aus der Welt des Handballs ausbrechen kann“, sagt er. „Wenn ich mit meinen Kommilitonen über das Studium oder andere Dinge diskutieren kann.“ Dass er überhaupt sein Bachelor-Studium absolvieren kann, sei der guten Betreuung an der FH Magdeburg geschuldet – und der Hilfsbereitschaft seiner Kommilitonen, die ihm gern Skripte aus den Vorlesungen kopieren und überlassen. „Das ist einfach nur herausragend, wie super die mich unterstützen“, sagt er.

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Lemke denkt auch gern nach über die tieferen Geheimnisse des modernen Handballs und diskutiert mit Kollegen wie Yves Grafenhorst über Sinn und Unsinn der Statistiken. „Was das betrifft, leben wir mit dem Handball in der Steinzeit“, findet er. Er würde sich zum Beispiel Datenkolonnen wünschen, mit denen man nachvollziehen kann, wie viele Tore ein Team gewinnt, wenn ein bestimmter Spieler auf dem Platz steht. „Das wäre mal wirklich aussagekräftig.“ Und er strebt weiterhin an, ein kompletter Handballer zu werden. Er will nicht nur in der Abwehr Spiele entscheiden, so wie kürzlich die Partie gegen den THW Kiel mit fantastischen Blocks, sondern eben auch in der Offensive. „Mein Wunsch ist es, Angriff und Abwehr zu spielen“, sagt er. In Magdeburg, wo er sich ansonsten wohlfühlt und mit dem Pokalsieg 2015 einen großen Erfolg gefeiert hat, fehlt ihm diese Perspektive. „Ich hätte wirklich sehr gern mit ihm weitergearbeitet, Finn ist ein guter Junge“, bedauert SCM-Coach Bennet Wiegert. Ein neuerliches Angebot aus Flensburg hat Lemke ebenfalls abgelehnt und stattdessen für die Saison 2017/18 bei der MT Melsungen unterschrieben: „Ich habe für Melsungen ein sehr gutes Gefühl und habe Vertrauen in die Menschen, die dort verantwortlich sind. Das fühlte sich alles gut an, als wir miteinander gesprochen haben.“

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Lemke, 24 Jahre, 53 Länderspiele, hat jedenfalls noch Hunger auf Erfolg, trotz des glorreichen EM-Titels und der nicht minder bedeutenden olympischen Bronzemedaille, die er mit der Nationalmannschaft in Rio de Janeiro gewonnen hat. Schließlich liegt als Profi mehr Strecke vor ihm als hinter ihm. Beim Tag des Handballs führte er sein Team als Kapitän auf das Feld. „Das war ja nur aushilfsweise“, sagt er in Hamburg, „aber das ist das allererste Mal, dass ich Kapitän bin.“ Die besten Zeiten des sanften Riesen dürften, darauf darf sich der deutsche Handball freuen, erst noch kommen.

Erschienen im April 2017 (#14) in HANDBALL inside.