Der Unvorhersehbare

In dieser Woche beginnt die Europameisterschaft der Handballer. Dass die Deutschen zu den Favoriten gehören, liegt auch an Christian Zeitz, der ganz anders spielt als alle anderen.

 

Es gibt diese betörenden Szenen, in denen man sieht, dass ein großer Sportler geboren wird. In denen sich urplötzlich und spektakulär ein Jahrhunderttalent zeigt: Hier ist einer, der sich abhebt von den anderen, der sich anders bewegt, der über famose Fähigkeiten verfügt. Ein solcher Moment ereignet sich vor einem Jahr bei der Handball-Weltmeisterschaft in Portugal, die Zeitungen schreiben danach von der Geburt eines »Straßenhandballers«. Die deutsche Nationalmannschaft kämpft gegen Jugoslawien um den Einzug in das Halbfinale und um die Qualifikation für die Olympischen Spiele. Es ist das wichtigste Spiel des Jahres, und es sieht nicht gut aus für das Team von Bundestrainer Heiner Brand. Rund 20 Minuten vor Schluss führt der Gegner mit drei Toren, und die cleveren Jugoslawen beginnen, das Spiel zu verzögern.

Dann schickt Brand den Ersatzmann Christian Zeitz aufs Feld: einen unerfahrenen 22-Jährigen, der damals noch in der 2. Bundesliga Süd spielt.

Einer, der sich den Respekt des Handball-Establishments erst noch hart erarbeiten muss. Ein Nobody. Die jugoslawischen Gegner kümmern sich daher nicht so sehr um ihn. Als die Schiedsrichter eine Viertelstunde später abpfeifen, liegen die Jugoslawen am Boden, sie können es nicht glauben, einige wollen sich prügeln, andere weinen. Die Deutschen haben das Spiel gedreht. Und die Initialzündung kam von Zeitz.

Die entscheidende Szene geschieht in Unterzahl. Nach einer Zeitstrafe hat Deutschland nur fünf Feldspieler auf dem Parkett, der führende Gegner alle sechs. Die Situation ist prekär, aber die Deutschen führen den Ball.

Bundestrainer Brand reagiert, er holt seinen Kapitän Markus Baur an die Seitenlinie und erklärt ihm den Plan. Die Mannschaft soll den Angriff möglichst lange ausspielen, und dann soll der Jüngste, der im halbrechten Rückraum steht, den Kampf Mann gegen Mann suchen. Eine Einzelaktion probieren. Das Problem: Der Gegenspieler heißt Perunic, ein Bär von einem Kerl. Über zwei Meter groß, breitschultrig, stoppelbärtig, gefährlich aussehend. Zeitz hingegen ist nur 1,85 Meter groß, ein Winzling jedenfalls im Vergleich zu seinem Konterpart. Es ist ein unfaires Duell. Eigentlich ist Duell das falsche Wort.

Aber Brand will es so und schickt seinen Kapitän mit dieser Instruktion zurück auf das Feld. Dann passiert es: Zeitz erhält den Ball vom Außenspieler, geht einen rasanten Schritt auf den Riesen zu, dreht seinen Körper mit einem sagenhaften Tempo nach rechts und drischt den Ball etwa zehn Zentimeter am rechten Ohr des Jugoslawen vorbei. Es ist ein gewaltiger, brachialer Wurf, und er ist für den Torwart Sterbik, der zuvor die deutschen Angreifer hat verzweifeln lassen, nicht im Ansatz zu erkennen, weil Zeitz beim Wurf durch den Abwehrspieler verdeckt ist. Der Ball schlägt rechts unten ein, der Keeper reagiert nicht einmal, so unvermittelt kracht er ins Tor. Die Aktion ist exakt so ausgeführt, wie vom Trainer ersonnen. Ein sensationeller Augenblick, einer, der sich einstanzt bei allen Freunden dieses Spiels. Noch spektakulärer ist allerdings die Geschichte, wie sie Brand hinterher erzählt: Kapitän Baur, der den Plan weiterleiten sollte, hatte den Jungen davon nicht informiert. » Er wusste gar nicht«, sagt der Bundestrainer, »dass er es genau so machen sollte.«

Heiner Brand wiederholt diesen Satz noch oft an diesem Abend, und genauso oft schüttelt er dabei den Kopf. Denn wer so intuitiv agiert, kann Spiele auch sehr schnell zerstören. Der kann die Spielkultur und die Disziplin, die in jedem Mannschaftssport so wichtig ist, mit ein, zwei Aktionen über den Haufen werfen. » Das ist bei Zeitzi deswegen eine ziemlich zweischneidige Sache«, sagt Brand. Andererseits: So einer wie er kann Spiele entscheiden. Es gibt viele fantastische Handballer auf den Rückraumpositionen, die hoch springen und den Ball in Richtung Tor wuchten können. Aber die meisten Würfe sind doch kalkulierbar: Die besten Torhüter wissen um die Wurfbilder, kennen die Lieblingsvarianten der Gegner, und sie locken im Verbund mit der Abwehr auch die Stars in so genannte Wurffallen. Denn wenn Torwart und die Verteidigung perfekt zusammenarbeiten, verdecken sie einen großen Teil des Tores, dann schrumpft es geradezu für den hochspringenden Rückraumwerfer. Bei Zeitz ist das nur begrenzt machbar. Weil er zu klein ist, um hochzusteigen und dann einen Sprungwurf loszulassen, wirft er meistens ohne Vorwarnung aus dem Stand. Er wirft nicht über den Gegner hinweg, er wirft an ihm vorbei. Dabei wirken seine Schlagwürfe, weil so unvermittelt geschehen, wie ein Affront gegen jede Trainingslehre. Das Beängstigende ist die Kombination: Es ist nicht nur das Unvorhersehbare, sondern auch die Wucht, mit der Zeitz Handballkenner fasziniert (und irritiert): Sein Armzug, das ist der Fachbegriff für den Ablauf des Wurfes, ist ein Naturereignis.

Lange hatte es nach dieser Leistungsexplosion nicht ausgesehen. Als er mit 16 Jahren zur SG Kronau-Östringen kam, einem kleinen Zweitliga-Klub in Baden, erkannten die Trainer zwar die außergewöhnlich guten Anlagen des Rückraumspielers. Den notwendigen Ehrgeiz brachte er auch mit, sagt er selbst: »Ich wollte immer schon Leistungshandballer werden.« Aber sein Gewicht entsprach eher dem eines Leistungscomputerspielers: Vor knapp drei Jahren wog er 112 Kilo. Pommes, Burger, Chips und Coca-Cola. » Ich habe alles ausprobiert«, sagt sein damaliger Trainer Michael Roth, »Zuckerbrot und Peitsche.« Für die 2. Liga reichte es auch so, Zeitz war immer der Torschützenkönig seiner Mannschaft. » Ich habe immer wieder versucht zu erklären, dass er ein Ausnahmehandballer werden kann«, sagt Roth. Oder er schrie ihn an: »Du bist einfach zu fett«, weil alle anderen körperlich fit und für den Leistungssport gerüstet waren, nur er nicht – der Jüngste und der Talentierteste. Und manchmal war der Spieler Zeitz dem Trainer Roth sogar peinlich. Zuweilen fragten ihn seine Kollegen nämlich mit mokantem Lächeln: »Wen hast du denn da in deiner Mannschaft?« So dick war Zeitz.

Die Wende zum Besseren kam in einem Trainingslager im Fichtelgebirge. Roth setzte Zeitz auf Diät und stellte ihm zwei erfahrene Spieler zur Seite. Sie kontrollierten ihn, es gab, sagt Roth, nur »Salat, Reis, Nudeln und so Sachen«. Zeitz selbst beschreibt die Umkehr hingegen als Lernprozess: »Ich habe gemerkt, da sind andere viel schneller als ich.« Zusätzliche Motivation war »ein Zeichen des Bundestrainers: Er hat gesagt, dass ich kein Schlechter bin«. Er nahm radikal ab. 28 Kilo. In vier Monaten. » Da habe ich gedacht, das ist fast Magersucht«, sagt Roth heute. Aber auch das sei eben Zeitz: extrem.

Immerhin: »Dann war er auf der Spur.« Heute ist er ein Modellathlet, austrainiert. » Irgendwann hat er es begriffen«, sagt der Bundestrainer.

Natürlich kamen nach Portugal, wo die Deutschen Vizeweltmeister wurden, große Vereine. Zeitz ging zum THW Kiel, dem Serienmeister der neunziger Jahre.

Trainer dort ist Noka Serdarusic, er ist so etwas wie ein Trainerpapst, »derjenige, der am meisten von Handball versteht«, so hat es einmal der zum »Welthandballer des Jahrhunderts« gewählte Schwede Magnus Wislander formuliert. Was Serdarusic sagt, das gilt. Wenn er doziert, dann lauschen die baumlangen Handballprofis wie Erstklässler einem Märchen. Wenn er aber von Zeitz spricht, dann doziert der alte Trainerfuchs nicht, dann schwärmt er.

Ein »Instinkthandballer« sei Zeitz, meint Serdarusic, »das, was er in der Sekunde sieht, das versucht er«. Das heißt, Zeitz überlegt nicht, wenn er eine Lücke in der gegnerischen Abwehr erahnt, er versucht sie zu nutzen. Ab und zu bringe er damit Serdarusic, den Disziplinfanatiker, auch zum Wahnsinn, »weil er einige Dinge tut, die wir nicht brauchen«. Andererseits: »Auf einmal macht er Sachen, wo man sagt: Das gibt’s gar nicht, das kann kaum einer.« Und wenn man so einen haben wolle, dürfe man ihn, der sich im letzten halben Jahr zum Publikumsliebling im handballverrückten Kiel entwickelt hat, nicht sofort kritisieren. » Ihn ganz an die Kette zu kriegen, das schafft keiner, und wenn, dann ist er nicht mehr der Christian.« Überhaupt sei Zeitz nicht so verrückt, wie oft behauptet würde, er spielt nur so. » Das ist erst mal ein Arbeiter im Training, der macht alles tausendprozentig, das heißt: Jeder Trainer kann sich so einen nur wünschen.« Serdarusic, wundern sich die Insider beim THW Kiel, spricht von Zeitz wie von einem Sohn. Aber es sei nicht nur dessen Angriffswucht, sagt Serdarusic. Auch in der Abwehr, diese famose Vorahnung …

Der Bundestrainer hat Zeitz wieder nominiert für die Europameisterschaft, die am 22. Januar in Slowenien beginnt. Der erste Gegner dort heißt Serbien und Montenegro, früher Jugoslawien. Im Team stehen viele der Spieler, die sich schmerzhaft an Zeitz erinnern, an diese magischen Minuten bei der WM, in denen ein eher unauffällig wirkender Typ ein paar Dinge anders machte, als man das von Handballspielern bisher erwarten konnte.

Erschienen am 22. Januar 2004 in Die ZEIT.