Ausflüge in die Menschlichkeit

An Weihnachten 1915 erheben sich verfeindete Engländer und Deutsche aus den Schützengräben und treffen sich zum Fußballspiel.

 

Der Ausflug in die Menschlichkeit an Weihnachten 1915 begann mit einem Lied. Noch unsichtbar für den britischen Feind, der nur 100 Meter entfernt von ihnen verharrte, noch völlig verborgen in ihren Schützengräben auf dem von Bombenkratern übersäten Feld in der Nähe des nordfranzösischen Dörfchens Laventie, saß ein bayrisches Regiment und sang die walisische Hymne. Zunächst leise, dann immer lauter werdend. Die Antwort kam prompt. Die Melodie zu „Good King Wencelaus“ signalisierte auch den Deutschen die Bereitschaft des Gegners, den „Großen Krieg“ einmal zu ignorieren, und wenn auch nur für wenige Augenblicke.

Am nächsten Morgen wurden Rufe laut zwischen den Linien. „Hello Fritz“, riefen die Briten, „Hello Tommy“, antworteten die Deutschen. Damit waren sie gebrochen, die Dämme der Feindseligkeit. Zuerst erhoben sich einige Deutsche aus den tief gefrorenen Gräben, um völlig unbewaffnet in jenes Niemandsland zu schreiten, das ansonsten den Tod bedeutete. Daraufhin traten ihnen Briten aus dem Royal Welsh Fusilier Regiment des 15. Bataillons entgegen. Spontan, völlig ungeplant, und vor allem: gegen jeden Befehl. Sie tauschten kleine Gegenstände aus, Zigaretten und Schokolade und kleine Erinnerungsabzeichen. Und ihre Gedanken.

Und auf einmal war ein Fußball da. „Es war kein richtiges Fußballspiel“, berichtete der Zeitzeuge Bertie Felstead später, „mehr ein freies Herumkicken, wir spielten hin und her. Ich kann mich noch an das Herumbalgen im Schnee erinnern. Es waren ungefähr 50 Leute auf jeder Seite. Ich spielte mit, weil ich Fußball wirklich mochte.“ Der Geist des Weihnachtsfestes, das war die irritierende Botschaft in diesen unmenschlichen Zeiten, hatte das Schlachtfeld erobert, und das Spiel mit dem Leder hatte seinen Teil dazu beigetragen.

Ungefähr eine halbe Stunde geriet alles anders als sonst, anders jedenfalls in diesem zermürbenden, Menschenleben verachtenden Stellungskrieg. Mit den Worten Bertie Felsteads, der als 106-jähriger im Jahr 2001 starb: „Die Deutschen waren Männer ihres Vaterlandes, wir waren welche unseres Mutterlandes. Aber die Menschen sind, wie sie sind: Über Nacht überwältigten uns die Gefühle und wir trafen auf halber Strecke im Niemandsland.“ Bis ein englischer Offizier einschritt und schrie, man solle auf die Hunnen schießen und nicht mit ihnen Fußball spielen.

Die Verbrüderungsszenen rund um dieses Fußballspiel und auch die vielen anderen „wilden“ Waffenstillstände, die zu Weihnachten 1914 und 1915 auf den blutigen Feldern der Westfront vorkamen, wurden lange Zeit zu Mythen überhöht. Es musste ja auch ein menschliches Antlitz geben inmitten dieses Mordens und Schlachtens. Viele dieser Szenen wurden später von Historikern entlarvt und zu Legenden erklärt. Das Fußballspiel aber gilt als ausreichend verbürgt, denn neben dem damals 21-jährigen Bertie Felstead erzählt auch der große, 1929 erschienene englische Weltkriegsroman „Goodbye to All That“ von Robert Graves diese irritierende Geschichte. Graves diente in dem gleichen Regiment.

Warum diese Begebenheiten an der Front nicht häufiger schriftlich fixiert worden sind, liegt auf der Hand. Diese Szenen stellten, das wussten Militärs, Kaiser und Queen, eine erhebliche Gefährdung der Kampfmoral dar. Wie sollte man auf einen Feind schießen, mit dem eben noch Fußball gespielt hatte Und wie sollte das die Heimatfront verstehen, die ganz im nationalen Überschwang den Weihnachtsbaum mit mundgeblasenen schwarz-weiß-roten Granaten und Miniaturen der „Dicken Bertha“ schmückte, dieser riesigen Kanone. Und so waren derartige Fußballspiele in den Frontberichten zu verschweigen.

Die Kriegsjahrbücher des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) berichteten nichts darüber, obwohl sie sonst in allen Details die rasante Ausbreitung des Fußballs an der Front bezeugten. Von Fraternisierungen durch Fußballspiele ist jedenfalls darin nichts zu lesen. Ganz im Gegenteil: Der DFB hatte den Krieg im September 1914 als „Riesenländerspiel“ und sportlichen „Länderwettkampf“ aufgefasst, den man genauso gewinnen werde wie alle sportlichen Wettbewerbe. Fußball als Büchsenspanner des Krieges: Die „Anspannung aller körperlichen und geistigen Fähigkeiten und Stählung der Nerven, die am Fußballspiel geübt sind“, sagte etwa ein Kapitän von Karpff, „kommt den Ausübungen im Krieg zugute, darum ist es für die Jugend als Vorbereitung so wertvoll.“ „Pro patria est, dum ludere videmur“ – „Fürs Vaterland ist’s, wo wir zu spielen scheinen“, diese Devise galt besonders für den Fußball.

Erst nach dem Krieg kolportierten Sportschriftsteller wie Carl Diem diese Verbrüderungsszenen. „Das Fußballspiel ist das Soldatenspiel aller Armeen der Welt. Ich erinnere mich einer Erzählung des Generalleutnants Fleck, des Kommandeurs eines Reservekorps, dass ihm die Engländer am 1. Weihnachtsfeiertage des Jahres 1914 bei Neuve Chapelle einen 48-stündigen Waffenstillstand angeboten hatten, um in Ruhe Fußball spielen zu können“, berichtete Diem 1919, ohne indes eine Einschätzung darüber abzugeben, ob dieser Waffenstillstand tatsächlich so stattgefunden hatte.

Und wenn nicht: Allein der Wunsch der Soldaten nach einer Begegnung mit dem militärischen Gegner verrät doch einiges über die sonderbare Stimmung an der Westfront an Weihnachten 1914 und 1915. Wie gespenstisch diese Treffen im Niemandsland gerieten, zeigen Berichte, nach denen dort sogar Gewehre als Souvenirs ausgetauscht wurden.

Für 1916 und 1917 sind derlei Waffenstillstände von unten, die es so auch im deutsch-französischen Krieg 1870/71 gegeben hatte, nicht mehr belegt. Das Fußballspiel, das Bertie Feldstead erlebte, sollte in diesem grausamen Schlachten einer der letzten Ausflüge in die Menschlichkeit bleiben.

Erschienen am 20. Dezember 2002 in der Frankfurter Rundschau